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Bermudadreieck – Europäische Fernstraßen

Montag, 26 November 2018

Ladungsdiebstähle nehmen weiter zu - doch gibt es überhaupt Mittel, sich dageben zu wehren?

Presseartikel für die Fachzeitschrift StraGü, Ausgabe November 2018

Eigentlich liegt das Bermudadreieck im Atlantik vor der Küste Nordamerikas und bekam seinen mysteriösen Ruf durch spurlos verschwundene Schiffe und Flugzeuge. Es war Inspirationsquelle für viele Autoren abenteuerliche Romane über unerklärliche Vorkommnisse in unserer lückenlos überwachten und aufgeklärten Gesellschaft zu verfassen. Tatsächlich ist die Anzahl der Katastrophen im wahren Bermudadreieck nicht auffällig hoch.

Das Bermudadreieck der letzten Jahre für Frächter und Spediteure ist nicht im Atlantik sondern vor der Haustüre in Europa. Neben der täglichen Herausforderung im Transportgewerbe wirtschaftlich erfolgreich zu bestehen, sehen sich viele Frächter zusehends mit der steigenden Kriminalität auf den Fernstraßen und den Konsequenzen daraus konfrontiert. Das Europäische Parlament schätzt die Schadensumme durch Ladungsdiebstähle in der Europäischen Union auf 8,3 Milliarden EURO im Jahr 2017. Eine enorme Summe wobei es durchaus interessant ist, wo denn die Ladungsdiebstähle stattfinden.

 

Daten

4% Hijacking
5% Diebstähle aus umfriedeten Grundstücken
8% Diebstähle aus Lagergebäuden
8% Ladungsunterschlagung durch sog. Fake Carrier
11% Abgestellte Anhänger
64% Ladungsdiebstähle von öffentlichen Parkplätzen

 

Aufgrund dieser Daten sowie der Erfahrung der asko assekurankmakler GmbH birgt das größte Risiko die Diebstähle während der Ruhepausen. Natürlich gibt es schon viele Ansätze zur Reduzierung von Ladungsdiebstählen, die am häufigsten genannten sind:

  • Mehr bewachte Parkplätze,
  • ein höheres Bewusstsein der Verlader über die Realität auf den Straßen,
  • bessere Ausrüstung der LKWs (z.B. Kofferauflieger, schnittfeste Planen, Alarmanlagen),
  • sowie eine erhöhte Sensibilität der politischen Entscheidungsträger auf europäischer Ebene um z. B. die Polizei technisch und personell besser auszustatten.

 

Fakten

Fakt ist aber leider immer noch, dass es zum Beispiel in Deutschland gerade einmal fünf echte bewachte Parkplätze an Autobahnen gibt, die meist über einen langen Zeitraum ausgebucht sind. Darüber hinaus gibt es eine größere Anzahl vermeintlich bewachter Parkplätze, deren Sicherheitsstandards vom jeweiligen Betreiber selbst definiert wird. Die Praxis zeigt, dass es sich oftmals nur um ein eingezäuntes Gelände, mit einigen Kameras und mit einer Schranke zur Ein- und Ausfahrtskontrolle handelt. Von einem Wachmann fehlt häufig jede Spur.

Eine gute Quelle um die Ausstattung von Parkplätzen im Alltag zu prüfen ist: https://www.iru.org/apps/transpark-app.

 

Die Parkplatznot entlang der Fernstraßen führt dazu, dass LKWs oft auf neben Fernstraßen gelegene Gewerbegebiete ausweichen und dort einsam am Wegesrand parken. Entgegen dem Umstand, dass Autobahnparklätze natürlich belebt sind, was es für die Täter erschwert unentdeckt zu bleiben, haben die Diebe im Gewerbegebiet leichtes Spiel.
Unsere Erfahrung aus der täglichen Schadenbearbeitung zeigt, dass hier die Fahrer die Diebstähle einfach geschehen lassen – verständlich - da Sie Angst um Leib und Leben haben. Gerade bei Transporten von Mitteleuropa nach Großbritannien haben viele Frächter besonders viele negative Erfahrungen mit Ladungsdiebstählen gemacht.
Das in Europa am stärksten von Ladungsdiebstählen betroffene Gebiet – daher Bermudadreieck - erstreckt sich vom deutschen Rheinland über Nordfrankreich und Belgien bis nach England. Allein in diesem Gebiet verzeichneten die Behörden im Jahr 2017 über 14.000 Ladungsdiebstähle. Hinzu kommt in dieser Region auch noch das Risiko von blinden Passagieren, deren Ziel es ist, oft unbemerkt auf der Ladefläche eines LKWs nach Großbritannien zu reisen. Entsprechend planen viele Frächter ihre Routen so, dass sie mindestens 200 km vor der Kanalküste keine Rast mehr einlegen. Auch den Tätern ist dies bekannt. Auffällig häufig kommt es am Rande dieser sog. 200 km Zone um die Kanalküste zu Ladungsdiebstählen, insbesondere in Belgien und England. So führen durch das kleine und dicht besiedelte Belgien viele stark genutzte Transitrouten. Den Tätern fällt es leicht das Diebesgut grenzüberschreitend abzutransportieren, verstärkt auch über den Seeweg um es rasch unerkannt zu veräußern. Dabei profitieren die international agierenden Diebe von der territorial begrenzten Zuständigkeit der jeweiligen Polizeibehörden und leider auch manchmal von deren Unwillen.
Unsere Erfahrung zeigt, dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der jeweiligen nationalen Polizeibehörden nur sehr eingeschränkt bis gar nicht funktioniert. Von den ca. 3.000 bekannten Ladungsdiebstählen in Belgien lag die Aufklärungsquote bei ca. 17 %, eine unakzeptable Quote.

 

Zahlen

Jetzt fragt man sich schon, was bei den größtenteils gut organisierten Banden denn besonders beliebte Warengruppen sind:

  1. Lebensmittel / Getränke 16 %
  2. Elektrogeräte 16 %
  3. Autoteile / Reifen 13 %
  4. Textilien 13 %
  5. Haushaltsprodukte 11 %
  6. Metalle 10 %

 

Einen besonders negativen Trend beobachten wir leider in Großbritannien. Die entsprechende Kriminalität ist besonders in den Ballungsgebieten London, Birmingham und Manchester, wo viele Industriegebiete und Vertriebstellen angesiedelt sind, hoch. In den britischen Medien wird die Grafschaft Nottinghamshire südlich von Manchester als „UK’s crime hotspot for lorries“ bezeichnet. Im ersten Quartal 2018 stieg in dieser Grafschaft die Anzahl der Ladungsdiebstähle im Vergleich zum Quartal des Vorjahrs um 6,3 % auf 454 angezeigte Vorfälle. Der dadurch entstandene Schaden wird auf über 1,10 Mio. Britische Pfund taxiert. Fachleute bemängeln, dass die britischen Polizeibehörden hier nicht mit dem zu erwartenden Aufwand und Umfang ermittelt, dazu ein Auszug aus den uns bekannten Diebstählen aus Großbritannien vom Mai 2018.

 

10.05.2018 – Luton, Bredfordshiere - Kleidung im Wert von EUR 96.517

10.05.2018 -  Shepshed, Leichestershire – Autoteile im Wert von 54.897

11.05.2018 - Castle Doningtan, Leicestershire – Reifen im Wert von EUR 74.340

22.05.2018 – Wheatley, Oxfordshire – Autoteile im Wert von EUR 85.553

22.05.2018 – Milton Keynes, Buckinghamshire – Sammelgut im Wert von EUR 51.332

23.05.2018 – Lockington, Derbyshire – Kaffeemaschinen im Wert von EUR 51.121

24.05.2018 - Stanford le Hope, Essex- Wein im Wert von EUR 80.025

29.05.2018 – Tiffield, Northamptonshire- Elektroartikel im Wert von EUR 74.154

 

Fachleute raten auch hier dazu bewachte Parkplätze zu benutzen um Ladungsdiebstähle zu vermeiden. Neben der Tatsache, dass es eben viel zu wenige davon gibt, sind Verlader oft nicht bereit, dies bei der Frachtrate zu berücksichtigen. So kostet der Stellplatz auf einem bewachten Parkplatz in etwa EUR 25,00, was ein wahrlich überschaubarer Betrag ist. - Die Parkgebühr im Verhältnis zum transportierten Warenwert ist bestenfalls im Promillebereich messbar. – Hat ein Frächter z.B. 40 LKWs und würde dieser ausschließlich bewachte Parkplätze anfahren so beträgt der tägliche Kostenaufwand dafür schon EUR 1.000,00. Aufgrund der harten Wettbewerbssituation in der Transportbranche haben Transporteure oftmals nicht die Möglichkeit diese Parkgebühr an den Verlader weiterzugeben.

 

Gedanken

Seit einigen Jahren rüsten die Frächter ihre Planenauflieger mit schnittfesten Planen aus. Dies führt zu höheren Anschaffungskosten, ein Rückgang der Ladungsdiebstähle durch dieses – vermeintliche – Hindernis konnte aber bis jetzt leider nicht festgestellt werden, da die Diebe ihr Werkzeug sehr schnell angepasst haben, oder statt Schnitten nur mehr Löcher zum Ausspähen der geladenen Ware machen. Sofern es sich um interessante Ware handelt, werden die verschlossenen Aufliegertüren aufgebrochen und die Ware unbemerkt ausgeräumt.

Die Industrie reagiert natürlich, es werden sogenannte Alarmplanen angeboten, die bei einem Diebstahlversuch diesen durch SMS und E-Mail an den Frächter melden und akustische Signale versenden um die Diebe zu verscheuchen – ähnlich wie die Wegfahrsperren beim PKW. Aber kann jeder 24 Stunden auf so eine Meldung reagieren und wenn ja wie?

Es gibt schon einige gute Ansätze, dieses Problem mehr und mehr in den Griff zu bekommen, aber fundierte Lösungen müssen auf europäischer Ebene von der Politik ausgehen. Sinnlose Gesetze zum Thema Fahr- und Ruhezeiten, die das Parken auf nicht vorhandenen oder überfüllten Parkplätzen, ohne Überwachung notwendig machen, oder Hotelübernachtungen zu erzwingen sind hier sicher nicht der richtige Weg. Solange der Mensch eine wesentliche Rolle spielt, werden auch menschliche Lösungen notwendig sein.

Vielleicht heißt es schon bald – Alexa bring mir eine Ladung wunderschöne und billige Fliesen – natürlich autonom herangebracht…nur, in der Luftfahrt haben wir schon sehr lange den Autopiloten, aber ich sehe Gott sein Dank immer noch Piloten am Flughafen!

 

 

Fabian Koller, asko Assekuranzmakler GmbH